Vor zwanzig Jahren begann Sonja Baldauf in Wien, Seife zu sieden – auf achtzig Quadratmetern im dritten Bezirk, nach der überlieferten Rezeptur des letzten Wiener Seifensieders Friedrich Weiss. Das Jubiläum ist ein schöner Anlass. Die eigentliche Geschichte der Wiener Seife aber erzählt sich nicht in Jahren, sondern in dem, was täglich in der Manufaktur entsteht: rund siebzig Sorten und etwa 180.000 Stück Seife im Jahr, kaltgerührt und von Hand gefertigt, aus ausschließlich natürlichen Rohstoffen.
„Ich hatte mit 45 Jahren die verrückte Idee, die Wiener Seifenmanufaktur von Friedrich Weiss weiterzuführen – den Rucksack voll gepackt mit Mut, Kraft, Erfahrung und großem Respekt vor dem, was auf mich zukommen wird.“ (Sonja Baldauf)
Ein Erbe, das nicht verschwinden durfte
In Wien-Stadlau betrieb Friedrich Weiss die letzte Seifensiederei der Stadt – auch dann noch, als seine Zunftkollegen dem Preisdruck der Massenware längst nachgegeben hatten. Durch einen Fernsehbericht über europäische Seifensieder wurde Sonja Baldauf auf ihn aufmerksam und nahm Kontakt auf, um seine Seifen in der Schweiz zu vertreiben. Dazu kam es nicht mehr: Friedrich Weiss verstarb plötzlich. Was blieb, waren seine Rezepturen – und der Wunsch, diese Seife am Leben zu erhalten.
Seit 2006 haben sich die gebürtige Vorarlbergerin Sonja Baldauf und ihr Mann Christoph Hegglin diesem Erbe verschrieben und damit ein Stück Wiener Handwerkskunst vor dem Untergang bewahrt. Der Schweizer, ehemals Banker, arbeitete sich schnell und mit viel Freude und Leidenschaft ins Metier des Seifensiedens ein.
Kaltgerührt, gereift, von Hand geschnitten
Bei der Herstellung der kaltgerührten Seifen wird allein die Wärme genutzt, die entsteht, wenn sich Lauge und Kokosöl verbinden. Kein Erhitzen, kein Beschleunigen – das Verfahren lässt der Seife Zeit, und die Seife zahlt es zurück: Alle Inhaltsstoffe bleiben erhalten, allen voran das wertvolle Glycerin, das die Haut geschmeidig hält. Die hochwertigen Öle bleiben unverseift und entfalten ihre pflegende Wirkung dort, wo sie hingehört: auf der Haut. Zu spüren ist das beim ersten Händewaschen – ein zarter, cremiger Schaum, der sanft reinigt und sich eher nach Pflege anfühlt als nach Waschen.
Gefertigt werden Blöcke à 50 Kilogramm, die einige Tage reifen dürfen, bevor sie in handliche 125-Gramm-Stücke geschnitten werden – nach wie vor auf einer 120 Jahre alten August-Krull-Schneidemaschine aus Gusseisen, die seit vier Generationen nichts anderes tut, als Seife zu schneiden. Vom Sieden über das Schneiden bis zur Banderole aus Recyclingpapier geht hier jedes Stück durch viele sorgfältige Hände – und man spürt es jedem einzelnen an.
Nur, was einen Grund hat
Wer eine Wiener Seife aus der Banderole wickelt, riecht zuerst die Natur: Alpenspeik, Wiener Rose, Zimtöl – Duftessenzen aus Pflanzen, nicht aus dem Labor. Für die rund siebzig Rezepturen verwendet die Manufaktur ausschließlich natürliche Öle, Pflanzenextrakte und Duftessenzen, möglichst aus kontrolliert biologischem Anbau. Veredelt wird die kaltgerührte Kokosölseife mit pflegenden Ölen wie Aprikosenkernöl, Amaranthöl oder Weizenkeimöl. Ebenso wichtig ist, was nicht hineinkommt: keine chemischen Zusätze, keine Mineralöle, keine Konservierungsstoffe.
Die Rezepturentwicklung folgt der Logik des Handwerks: Man fragt sich, was gebraucht wird, und sucht dann nach der besten Antwort. Wenn Recherchen zeigen, dass Großmütter Zwiebelextrakt gegen graues Haar verwendeten, entsteht ein Seifenansatz mit Zwiebelextrakt. Weil der nach Zwiebel riecht, kommt Eukalyptus dazu, der die Durchblutung der Kopfhaut anregt und den Duft trägt. Alles, was in die Seife kommt, soll einen Grund haben. Dieser Grundsatz ist seit 2006 unverändert.
Der Gegenentwurf
Die Herstellung von Seife ist Jahrtausende alt. Mit der Industrialisierung und dem Einzug der Flüssigseifen führte das feste Stück lange ein Schattendasein; erst die Rückbesinnung auf das Handwerk hat ihm seine Renaissance beschert. Die Wiener Seife versteht sich als Gegenentwurf zum industriellen Produkt, das immer neuer und immer besser sein muss. Ihre Seife muss nicht neu sein. Sie muss gut sein.
„Ich brauch’s nicht billig, ich brauch’s gut und beständig.“ (Sonja Baldauf)
Eine Manufaktur, die man besuchen kann
Produziert wird am Favoritner Gewerbering im zehnten Wiener Gemeindebezirk – in einer Manufaktur mit Werksladen, Besucherbereich und kleinem Museum. Wer sie betritt, riecht sie, bevor er sie sieht: blumig, holzig, würzig, alles auf einmal. Und wer sehen will, wie Seife entsteht, kann dort zusehen. Tochter Caroline Baldauf ist Mitbegründerin der Wiener Seife Schweiz und führt eine Boutique in Arth am Zugersee. Verkauft wird außerdem in der Filiale in der Herrengasse im ersten Bezirk. Aus dem Ein-Frau-Betrieb von 2006 ist ein Familienunternehmen mit elf langjährigen Mitarbeitenden geworden.
Seifenkollektion Meisterstücke
Seifensieder sind in Wien seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar. Die Wiener Seife führt dieses Handwerk weiter – als Kulturgut, das man in die Hand nehmen kann.
„Stolz und doch winzig fühle ich mich im Universum der Seife, und ich weiß, es wird weitergehen. Auf die nächsten 700 Jahre.“ (Sonja Baldauf, 2026)

Fotos: © Wiener Seife